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DR KLAUS MUELLER

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VON DER GAY-DATING-SHOW zum VORZEIGEPAAR in den Niederlanden (Lesben. Schwule. Standesamt. Berlin 1991)

Hannover, 1864. “§.27. Das positive Institut der Ehe ist kein Institut für uns. Weder einen Priester giebt es, noch einen Civilstandesbeamten, der ein Eheband knüpfe zwischen uns und unserem Geliebten. Für uns existirt also der rein menschliche Naturzustand: wie für die Vögel unter dem Himmel und die Thiere auf dem Felde /…/” Karl Heinrich Ulrichs, Vindex, Erste Schrift über mannmännliche Liebe, 1864

AMSTERDAM, 1991
Mein Geliebter träumt von der Ehe. “Dann”, sagt er, “kann ich dich endlich richtig betrügen und Affairen haben wie andere Männer auch. Seitensprünge! Oder willst du nicht heiraten?”

Antrag nebst Anzüglichkeit entsprechen dem Geist der Zeit -zumindest wie er sich in Amsterdam äußert, fern von jener aufklä­rerisch-heterosexu­ellen Univer­salität, die den Gesetzen bezüglich der “Verbin­dung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebens­wierigen wechsel­seitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaf­ten” (Kant) anzuhaften pflegt.

Nein, Amsterdam hat sich schließlich nicht umsonst in die wilden Sechziger und die noch wesentlich wilderen Siebziger gestürzt, um nun kleinlaut und ehrfurchtsvoll vor der Ehe – welcher auch immer – Haltung anzuneh­men. Mein Geliebter ist zwar von ganz besonderem Reiz, doch seine Amsterdamer Auffassun­gen zur Ehe sind ziemlich durchschnitt­lich. Die ‘bürger­liche Institution’ ist für ihn so exotisch-fremd wie für bundes­republik­anische Journali­sten alles, was mit ‘Homose­xualität’ zu tun hat. Keine konkrete Anschauung trübt seine Vorstellung vom Eheleben, eine Kantlektüre hat er nie vollzogen, und seine unverheiratete Mutter belastet dieses Kapitel ebensowenig wie seine heterosexuel­len Freunde: Keiner von ihnen ist ver­heiratet. Mal romantisch, mal gelang­weilt parliert mein Prinz über das Salonthema ohne Berührungsäng­ste. Die Ehe ist keine Sehnsucht seiner Jungmän­nerträume, sondern höchstens ein neuent­decktes Projektionsfeld im Kosmos seiner städtischen, ganz und gar postmodernen Identität. Außerdem eine dankbare Sprachkiste für alle Gelegenheiten (“Ich ruf meinen Anwalt an”), die die eheliche Treue wie Untreue zu entschärfen vermag.

Dennoch: Das langweiligste Institut menschlicher Beziehung fackert auch den holländischen Romanitizismus neu an, und sei es nur aus der Verpflichtung gegenüber den Idealen der Gleichberechtigung und gebremst durch den landeseigenen Einschlag ins Nüchterne. Nach den ersten fas­sungslosen Reaktionen auf die amerikani­sche Heirats­welle unter Schwulen und Lesben und stirnrunzelnden Kommentaren auf die dänische Ehe (und dem Einsatz der dänischen Homo­sexuellen­bewegung für diese) dämmert es auch den Nieder­ländern: Am Paar als klein­ster Einheit homosexuellen Glücks und der Diskussion über die Regeln der Paarformung führt kein Weg vorbei. Auch die Ehe kann nicht aus der Diskussion ausgeschlossen werden, zumal sie die amouröse Phantasie stark anregt. Als Liebe ohne Widerruf, als Versprechen der Enthaltsamkeit und als Symbol des Dauerhaften -wer möchte diesen historischen Reichtum des Wortes ‘Ehe’ nicht eintauschen gegen das zeitgenössische Behelfswort von der ‘rela­tie’ (neu­deutsch: Beziehung), mit dem mann/frau gezwun­genermaßen ihre intimen Liebesbande mit einer Person der gleichen Geschlechts benennen müssen.

Die Renaissance des ‘Paares’ und die Suche nach adäquaten Sprach­und Umgangsformen hat sich für viele überraschend zu einem gewich­tigen Thema in der lesbischen und schwulen Kultur entwi­ckelt, auch in den Niederlanden. Daran helfen auch die Erin­nerungen an ganz andere Zeiten nicht vorbei – den Provoauf­stand gegen die Familien­gesellschaft, die freie Liebe der Amster­damer Flower­power Tage, die Theoretisierung und Praktizierung des Sexes in all seinen/ih­ren Formen in den Siebzigern/Achtzigern. Doch die virulente Diskussion wird durch eine Topogra­phie be­stimmt, die eine markante Veränderung signalisiert: Die Haupt­stadt Amsterdam – sonst unweigerlich der Brennpunkt aller neuen Entwick­lungen – weiß sich keinen Rat, die ‘Provinz’ (salopp: der Rest der Niederlande) steuert die Debat­te und ist bereit zu aufstän­dischen Aktionen.

DIE NACHZÜGLERIN: AMSTERDAM
Urbanität und Homosexualität sind nicht nur in den Niederlanden eng miteinander verschwistert, doch der jahrhunderte­alte Freiha­fen für abweichende Denk-, Lebens- und Liebesformen namens Amsterdam hat eine in Europa einzigartige sexuelle Kultur des Mit- und Nebeneinander entwickelt. Reich an Ideen, reich an Erfahrungen war das Schweigen gegenüber der ‘Homoehe’ in der schwul/lesbischen Hauptstadt von Europa – auf dem Gebiet des ‘gay lifestyle’ anderen Städten um Lustlängen voraus – umso auffälliger.

In den Sieb­zigern hatte sich auf der urbanen Spielwiese ein völlig neues Netzwerk von Beziehungs­formen entwickelt, das sich durch seine Fähigkeit zur Transformation auszeich­nete. Nichts war sicher. Alles war möglich. Nirgendwo anders in Europa experimen­tierten Männer und Frauen so sorglos und unbefangen mit ihren emotionalen und sexuellen Neigungen und ermöglichten sich Lebens­läufe, die anderswo geradewegs in die gesellschaftliche Isolation geführt hätten. Nicht in Amsterdam. Die Ehe spielte dabei kaum eine Rolle, hatte sie doch nicht mehr zu bieten als verbrauch­te Normen und eine schmalzige Romantik. Schon damals wurde in Amsterdam sichtbar, daß die schwulen und lesbischen Kulturen nicht mehr auf eine Integra­tion in das Normgefüge der niederländischen Gesellschaft warteten, sondern mit dem Aufbau von eigenen Lebens­welten beschäftigt waren. Das Paar als selbstgenüg­same Zelle (“Du, Luise, und ich und die Liebe! – Liegt nicht in diesem Zirkel der ganze Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?”, wie Schiller unnachahmlich die Problematik zusammenfaßt) erwies sich als nicht flexibel genug für die städtischen Anforderungen der trias intimitas von Liebe, Sex und Freundschaft.

Die Schwulen- und Lesben­bewegung der sech­ziger/siebziger Jahre hatte die Konfrontation mit dem herrschenden Normgefüge gesucht. ‘Zweierbeziehung’, Se­xualität und Rollen­verständnis standen im Zentrum der Auseinan­dersetzung. In der Opposition gegen die Integra­tionspoli­tik des COC, der landeswei­ten, nieder­ländi­schen Homose­xuel­lenor­ganisation unter königli­chem Patronat (seit 1973), hatten die ‘rooie flik­kers en potten’ (der anarchistische Flügel der Schwulenbewegung) immer die Seite der indi­viduel­len Freiheit ver­teidigt. Die Politik der Anpassung bzw. der Kopie heterosexu­eller Normen, die dem COC und wohl auch dem heterosexue­llen Rest der Gesell­schaft vorschweb­te, wurde als reformistisch abgetan. Lebensläufe sollten nicht an bestehende Normen angepaßt werden, sondern Normen an bestehende Lebensläufe.

Die Renaissance des Paares als alltäg­liche Erschei­nungsform im Bekannten- und Freundeskreis erklärt sich eben aus jener gründli­chen Demokratisierung und Liberalisie­rung der Beziehun­gen, bei der die Kritik der ‘Zweierbeziehung’ den not­wendigen Auftakt bedeute­te. Doch mit der Zeit konnte und sollte das wieder erwachte Interesse an dauerhaf­ten Formen des Verbin­dens nicht ausgeschlos­sen werden: das Paar nicht als Fluchtpunkt, sondern als Bund mit vielen Gesichtern.

Es ist verständlich, daß vor allem die erste Generation der Homo‑Aktivisten, die mittlerweile ins politische, journalistische oder universitäre Establishment vorgerückt sind, zunächst wenig Verwandtschaft mit dem ‘Paar’ als einem der neuen Themen der Schwulen­bewegung fühlte. Die ‘Homoehe’ erschien als verspäteter Anpas­sungsversuch an eine traditionelle, hetero­sexuelle Lebens­form, die mittlerweile auch dort nicht mehr zu den Selbstverständ­lichkeiten gehört. Die medienwirksame Zuspitzung der Bezie­hungs­diskus­sionen auf die ‘Homoehe’ verstanden manche als Bumerang: Dafür hatten sie nicht ge­kämpft. Gerade jene, die die Niederlande zu jenem liberalen Land machten, vor dem Engländer sich nur gruseln können, haben nun eher einen Stand­platz am Rande der Debatte.

Doch todernsten Kämpfen um den rechten Kurs sind in Amsterdam per Defini­tion nur ein kurzes Leben gegönnt. In der Stadt regieren die Bedürfnis­se, auch und gerade die banalen und tabuisierten. Nach einer längeren Anlaufphase schießen jetzt auch in der Hauptstadt Diskussionen um die Homoehe wie Pilze aus dem Boden. Einen wichtigen Schritt weiter geht die ‘Gay-Dating-Show’, der Metropole jüngstes Kind, die dem ‘Paar’ und der ‘Homoehe’ – da nun doch in der Diskussion – doch tatsächlich einen Unterhaltungswert abgewon­nen hat. Hier werden Männer­herzen aneinander gekoppelt und Frauenhe­rzen miteina­nder ver­schmolzen – auf dem Bildschirm des lokalen Fernseh­ens und vor den Augen von tout Amsterdam. Der Schmachtlappen, ab­gekupfert von einer hetero­sexuellen Variante im niederländischen Fernsehen (nur besser), scheut kein Thema und macht mit direkten Fragen zum Kennen­lernen deutlich, daß das Homopaar seine/ihre eigene Maßstäbe setzt und setzen wird. Aus drei Bewer­ber/innen darf und muß der/die jeweilige Kandidat(in) den einen Prinz, die eine Prinzessin wählen. In der folgenden Sendung wird dann über den Erfolg des ‘blind dating’ berichtet, und das Publikum entscheidet per Applaus, ob das Zufallspaar ein echtes zu werden verdient. Showmaster Hellun Zelluf greift bei positivem Bescheid zu den Handschel­len, der Alternative zum Trauring. “Weil”, so flüstert die extravagante Presen­tatorin, “wir sind hier für die Monogamie. Nun seid Ihr für immer miteinander verbunden.” Nicht immer geht alles nach Plan, die Qual der Wahl ist wie im echten Leben groß, und an großmütigen Abenden erlaubt Hellun Zelluf, daß mann/frau auch alle drei Bewer­ber/innen erwählt. Ja, warum eigentlich nicht?, fragt der sonst strenge Gastgeber, und das Publikum ist dankbar für die realistische Entscheidung.

DIE ‘PROVINZ’
Doch die frivole Freimütigkeit der Metropole kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß der neue Trend zur formalisierten Bindung keine Ausgeburt der Hauptstadt ist. Die politische Diskussion um die Ausweitung der Ehe auch für Homosexuelle und Lesben bzw. neue Ehegesetze wird getragen durch die Provinz. Dort, wo sonst angeblich wenig passiert, formieren sich engagierte Gruppen und klopfen bei ihren Gemeinden an: Ob mann/frau denn den Trausaal auch benutzen dürfe. Kleinstgemeinden und Städtchen mittlerer Reichweite zeigen sich enthusiast und kündigen öffent­lich an, daß sie die diskriminierenden Gesetze aus der Regierungs­stadt Den Haag nicht mehr lange tolerieren wollen.

Schiedam, Rheden, Enkhuizen, Strijen, Soest, Spijkenisse, Zaanstad und Wormer lauten die neuen, auch für Niederländer nicht immer lokalisierbaren Zentren eines ungewöhnlichen politischen Ungehor­sams. Gemeinden und Gemeindever­waltungen als Basis eines weiteren Schrittes auf der Stufenleiter homosexueller Emanzipation? Es scheint kaum möglich. Aber es passiert. Seit Monaten und Wochen beschäftigen sich die lokalen Autoritäten mit der Homoehe. Mehr und mehr Gemeinden wollen allen Heiratswil­ligen zumin­dest den Trausaal öffnen. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit und eines bereit­willigen Standesbeam­ten, daß eine dieser Gemeinden illegitim die Homoehe legalisiert und Den Haag damit in die ungeliebte Rolle drängt, öffentlich eine bereits geschlossene Homoehe für nichtig erklären zu müssen. Immer dabei sind Frans Stello und Gerard Kuipers, ein Vorzeigepaar, das von Gemeinde zu Gemeinde reist -auf der Suche nach einem willigen Standesbeam­ten. Die korrekt gekleideten Herren sind mittler­weile in ganz Nederland bekannt durch ihre Auftritte in vielen Talk-Shows.

Die »Gay Krant«, die größte zwei­wöchentliche Zeitschrift für Schwule und Lesben in den Niederlan­den, hat sich der Eheaspi­ranten angenommen und verfolgt publikums­wirksam jeden Schritt. Es ist nicht zufällig, daß die in Best produzierte und eben nicht Amsterdamophile Zeitschrift die Homoehe zu ihrem Thema erklärt hat. Als bürger­lich-gemäßigtem Organ fällt es der »Gay Krant« leichter, sich dem Mittelfeld der homosexuel­len Emanzipation zu öffnen. Nach der linken, studentischen Avantgarde bestimmt nun die homosexuelle Bürgerlich­keit – zumind­est in der ‘Gay Krant’. Doch die Themen haben sich nicht nur in der ‘Gay Krant’ merkbar verändert.

‘Flikkers en potten’ (wie die niederländische Sprache Schwule und Lesben ­mit hartem Klang umschreibt) in die Marine, ins Militär, in die Polizei, in die Schulen, in die Vater- und in die Mutterrolle, – das homosexuelle Bürgertum löst sich von den Zielen früherer Aktionisten und strebt den Aufbruch in die (ihren Bedürfnissen angepaßte) Nor­malität an. Der Druck zeitigt Erfolge, die Polizei wirbt zur Zeit gezielt für mehr Homosexuelle und Lesben in Uniform (die Polizei von Den Haag notabene selbst in der homosexuellen Presse!), die Marine gelobte Besserung der homofeindlichen Machokultur, das Militär ist stolz auf seine Ar­beitsgruppe zur Situation homosexueller Soldaten, die Lehrer­gewerkschaften besinnen sich auf die Bedürfnisse ihrer homosexuel­len Schüler. Die reinrassigen Bastionen heterosexueller Proveni­enz fallen. Auch die Homoehe wird sich durch diese stabile Basis, die sich draußen im Lande formiert hat, nicht ohne weiteres von der politischen Tagesordnung entfernen lassen. Die aufständischen Gemeinden haben sich bereits informell zusam­men­geschlossen und verlangen Reaktionen aus Den Haag.

DIE HOHE, SCHLÄFRIGE POLITIK: DEN HAAG
Doch Den Haag schweigt. Die sozialdemokatische Kultur­ministerin Hedy d’Ancona, ehemalige Redakteurin der feministischen Zeitschrift ‘Opzij’ und in ihrem Ressort verantwortlich für die Förderung homosexueller Emanzipa­tion, sieht wenig Veranlassung, um sich für die Homoehe stark zu machen. Die prinzipielle Aufgeschlossenheit von Kultur­ministerin d’Ancona gegenüber homosexuellen Forderungen setzt beim Thema Ehe aus. Als Feministin, so die Mini­sterin, stehe sie der Ehe allge­mein skeptisch gegen­über; niemand könne von ihr erwarten, daß sie bei der Homoehe eine Ausnahme mache. (Sie macht sie dafür bei der Heteroehe, deren Institution sie – nach Kritik aus den Reihen des konservativen Koalitionspartners – explizit nicht ‘angreifen oder abschaf­fen wolle’). Hedy, die durchaus mal ein Bier in der größten Amster­damer Schwulen­disco ‘It’ trinkt und sich dabei fotografieren läßt, reicht sich so ungewollt die Hand mit ihrem christendemo­kratischen Kollegen Hirsch-Ballin, der in der Regierung von Sozial- und Christendemo­kraten den Posten des Justizministers einnimmt.

Hirsch-Ballin dagegen, der gerade vom höchsten Gericht des Landes auf­gefordert wurde, neue Gesetzesvorschläge zum Thema ‘homo‑huwelijk’ auszuarbeiten, sieht die tradi­tionelle Ehe durch eine Öffnung für gleichge­schlechtliche Bezie­hun­gen gefährdet. Er zieht sich auf Alter­nativen ‘neben der Ehe’ zurück: etwa den allseits ungeliebten ‘Samenlevingscontract’ (einen Vertrag, in dem Unver­heiratete auch jetzt bereits Erb­schaftsangelegenheiten und anderes regeln können). Der Justizminister redet der 2-Klassen-Gesell­schaft das Wort, in der Ehewilligen Sonderrechte reserviert und anderen heterosexuellen wie homosexuellen Beziehungsformen Rechte ver­weigert werden. Zudem ist bereits bei den Heterosexuellen deut­lich: dem ‘samen­levingscon­tract’ fehlt die emotionale Basis. Und Hirsch-Ballin weiß natürlich, daß es bei der Diskussion um die Homoehe auch um die Symbolik geht: mit welchem Recht reser­viert der Staat die Ehe für heterosexuelle Paare?

Die unheilvolle Koalition der Feministin mit dem gemäßigten Konservativen schafft klare Positionen: Den Haag möchte, wenn man es denn ließe, am besten gar nichts tun. Die schwunglose Regierung von Christen- und Sozialdemokraten setzt allgemein aufs Konser­vieren, scheut Entscheidungen und hat mittlerweile ein bereits seit mehr als 10 Jahre vorbereitetes Antidiskriminierungsgesetz soweit zu verwässern gewußt, daß es – falls es jemals ins Parla­ment kommt – jegliche Kraft eingebüßt hat und wohl eher zur Diskriminierung von Homosexuellen/Lesben beiträgt.

Die Niederlande ist stolz auf ihre liberalen Tradition. Doch der Anspruch von homosexuellen/lesbischen Paaren auf gleiche Be­handlung bringt die Selbstver­ständlichkeit bestimmter ‘Nor­malitäten’ ins Wanken und bedeutet für die Politik einen schmerz­haften Abschied von längst überholten Wahrheiten. Die Kritik der Lesben- und Schwulenbewegung der siebziger Jahre an der konser­vativ-kalvini­stischen Familienmoral traf den wunden Punkt: Das hohe Wort von der Familie als ‘hoek­steen van de maat­schappij’ (als ‘Basis der Gesellschaft’) wurde in den letzten beiden Jahrzehnten durch die Realität eingeholt. Das Klischee der hetero­sexu­ellen Familie als Keimzelle der Gesellschaft entspricht ideologi­schen Bedürfnissen, kaum jedoch den tatsächlichen gesell­schaftli­chen Entwicklungen.

Die Individuali­sierung der niederländischen Gesell­schaft ist am weitesten in der Hauptstadt Amsterdam vorangeschritten und läßt sich an der Statistik ablesen: In den Generatio­nen zwischen 20 und 40 sind Verheiratete mittler­weile deutlich eine Minderheit, 45% des Wohnraums wird von Alleinstehen­den bewohnt, gegenüber 52 000 Familien mit Vater und Mutter stehen 37 500 Familien mit vor allem al­leinerziehender Mutter oder alleiner­ziehendem Vater. Lesbische Frauen mit ihren Kindern sind heute genauso ‘Familie’ wie eine alleinstehende heterosexuelle Frau mit Kind und dessen zwei angenommenen, homosexuellen Wunschvätern.

Die Konsequenzen sind im politischen Alltag unübersehbar, die traditionelle Familie und die heterosexuelle Ehe ist eine unter verschiedenen Lebensfor­men geworden. Nichteheliche Beziehun­gen werden benach­teiligt und in einem rechtsfreien Raum angesiedelt. Das Familien- und Adop­tionsrecht, das Erb- und Steuer­recht basieren auf gesell­schaftli­chen Konventionen, die so nicht mehr bestehen. Der Wohnungsbau hat sich dagegen seit längerem an die tatsächlichen bestehenden Wohnbedürfnisse anpassen müssen. Die Diskussion um die ‘Homoehe’ reiht sich in diese überfällige Neuordnung von ehelichen und nicht­ehelichen Beziehungen ein. Die aufständischen Gemeinden sind am umittelbarsten mit den Konsequenzen der veränderten Lebensformen konfrontiert. Sie riechen die Entschei­dungsschwäche in Den Haag, und sie nutzen sie. Wohl nur noch zeitweilig begnügen sie sich mit symbolischen Gesten. Deventer bietet als erste Stadt homosexu­ellen Paaren eine förmli­che Trauzeremonie an und die Möglichkeit, den geschlossenen Bund registrieren zu lassen. Zwar hat die Verbindung keinerlei Rechts­wirkung, aber viel symbolischen Wert.

DIE MEDIEN
Die landesweiten Medien berichteten gerührt über das erste in Deventer ‘getraute’ Paar, Janne van de Hof und Paulien van der Wildt. Die Volkskrant brachte ein Porträt der beiden Frauen auf der ersten Seite. Überhaupt nahmen sich die Medien schnell des Themas an. Der niederlän­dische Journalis­mus, vergli­chen mit deutschen Berüh­rungsängsten seit langem professioneller im Umgang und in der Berichterstattung über die homosexuellen Kulturen, hat die Sehnsucht mancher Homosexuel­ler nach dem Trauring von Beginn an als ihr Thema geführt und deutlich Partei fur die Homoehe genommen.

Diskriminierung wird in den Niederlanden ernst genommen, auch als Maßstab für die eigene Kultur, nicht nur als Problem der Dis­kriminierten. Schwulen und lesbischen Themen haftet in der nieder­ländischen Presse seit Jahren nichts Exotisches an, sie gehören wie andere zur niederländischen Gesellschaft, mit spezifischen und verallgemeinerbaren Erfahrun­gen.

In der bundesrepublikanischen Presse (etwa dem ‘Spiegel’ oder im ‘Stern’) wurde salopp an Aids erinnert, um die Diskus­sionen der ‘homosexuellen Szene’ (eine Wortdis­kriminie­rung, die übrigens in den Niederlan­den nicht existiert) über das Leben zu zweit ‘erklä­ren’ zu können. Ein merkwürdiger Kurzschluß: Gerade das städtische Netzwerk von Freundschaften hat sich in der Aids-Krise bewährt. Die Homo-Gemeinschaft ist stärker und stabiler geworden angesichts der Bedrohung, die urbane Spielwiese hat sich bewährt, in guten wie in schlechten Zeiten. Die niederländische Presse leistete eine nüchterne und aufklärer­ische Berichterstat­tung in Bezug auf Aids.

Die Medien verstehen die Homoehe dann auch als das, was sie ist: eine Facette in dem Streit für gleiche Rechte, als selbstbewußte Bezeugung einer dauerhaften Beziehung. Die öffentlichen Bekennt­nisse der Liebe, über die Medien transpor­tiert, verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Mehrheit der niederlän­dischen Bevölkerung möchte ihren homosexuellen und lesbischen Mitbürger(inne)n nicht das vorenthalten, was ihnen wie selbstver­ständlich offen steht.

‘LOVE AND MARRIAGE’ GO TOGETHER LIKE A HORSE AND A CARRIAGE?
Ja, Liebster, wollen wir das eigentlich. Wären wir glücklicher, wenn uns der Standesbeamte die Hand reicht, im zweifelsohne unschönen Trausaal des Stadtteils Amsterdam-Zuid (oder doch im avantgardistischen Trausaal im Zentrum?), in Anwesenheit meiner Eltern aus dem fernen, deutschen Dorf und deiner Mutter. Müßten wir dann Frank Sinatra auflegen, zum Mitsin­gen: ‘Love and Marriage go together like a horse and a carriage’? In welcher Sprache heiraten wir? Ja, dein Deutsch müßte dann noch besser werden.

Nein, wenn wir denn heiraten wollten, wir würden nicht auf eine Entscheidung aus Den Haag warten. In diesem Land wird geheiratet, ob es nun erlaubt ist oder nicht; das ist gute Tradition. Die Praxis hat hier immer ein Wörtchen mehr mit zu reden als in anderen Ländern. Soll ich schreiben, Liebster, daß Homoehen seit langem zum schwulen und lesbischen Alltag in den Niederlanden gehören und diese selbstverständliche Tatsache nur noch nicht gebührend bekannt ist? Wir können doch schlecht auf ein Lichtblick in Den Haag warten.

Die Politik, sie ist zu langsam und zu spät wie überall, doch eines Tages wird sie ihr Ja-Wort geben müssen. Dann sind wir alt, mein Lieber, alt und ergraut, nicht mehr schön, aber noch liebe­voller und sorgsamer. Laß uns hoffen, daß es eine wilde Ehe war und ist, die wir dann teilen. Ob es dann Übergangsregelungen für goldene Hochzeiten und nachträgliche Anerkennungen geben wird (ehrlich gesagt, ich befürchte eine solche nachträgliche Umarmung in diesem Land), soll mir und dir gleich eh egal sein. Die Schamlosigkeit, mit der unserer Bindung der Ehe-Status wie selbstverständlich vorenthal­ten wird, ist ein ethisches Problem für die, die ihre Rechte selbstge­recht behüten.

BIOGRAPHICAL REFERENCE ARTICLE
Klaus Mueller: Von der Gay-Dating-Show zum Vorzeigepaar. Homoehe in den Niederlanden. In: Lesben. Schwule. Standesamt. Hg. von Klaus Laabs. Ch. Links Verlag, Berlin 1991.